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Nicht nur Fischers Fritz fischt frische Fische / Quelle: Stuttgarter Zeitung 31.1.2002
Angler und Naturschützer streiten sich über die Invasion der Kormorane in den Flusstälern der Region
ESSLINGEN. Ob an Neckar, Rems oder Enz - quer durch die Region Stuttgart sind dunkle Mächte am
Werk. Sagen die Angler. Denn in Scharen sind Kormorane unterwegs und dezimieren den Fischbestand. Die Vogelschützer sehen das natürlich ganz anders.
Von Wolfgang Berger
Edward-Errol
Jaffke ist beunruhigt. In früheren Wintern, sagt der Vorsitzende des Fischereivereins Esslingen, habe er nur 30 bis 40 Kormorane gezählt. In den vergangenen Wochen kam er auf 160 bis 200 dieser
Vögel, die zwischen dem Plochinger und dem Stuttgarter Hafen ihr Jagdrevier errichtet haben. Auch an Lauter und Rems, Murr und Jagst klagen die Angler. Die ungewöhnlich zahlreich auftretenden
Kormorane macht Jaffke verantwortlich für einen "massiven Fischschaden". Die Gewässerwarte im Hegebereich 10 zwischen Plochingen und Mettinger Schleuse hätten vermehrt tote Karpfen und
Schleien gefunden, "die den typischen Kormoranbiss aufweisen", sagt Jaffke. Die Fische hätten keine Chance, weil die
Kormorane bis auf den Grund des Neckars hinabstießen und mit ihren scharfen Schnäbeln zupackten.
Laut Michael Schramm, dem Geschäftsführer des Verbandes für Fischerei und Gewässerschutz in
Baden-Württemberg, sind die Kormorane ein "Winterproblem". Die Brutgebiete liegen an den Küsten von Nord- und Ostsee, in Dänemark, Polen und den Niederlanden. Wenn es kalt wird, fliegen
die Vögel zum Überwintern in Richtung Süden. Dass sie zurzeit konzentriert auftreten, liegt am strengen Frost in diesem Winter. Die Baggerseen, etwa bei Wernau, waren wochenlang zugefroren.
Deswegen hatten die Kormorane keine andere Wahl, als auf die eisfreien Fließgewässer auszuweichen. Und deshalb haben Spaziergänger quer durch die Region dieser Tage reichlich Gelegenheit, ganze
Vogelschwärme zu beobachten - am alten Neckar bei Pleidelsheim etwa, an der Rems, gleich unterhalb der Winterbacher Brücke und selbst im Filstal hinter Göppingen.
Schon einmal, im kalten Winter
1996/97, stand man vor der gleichen Situation. "Es gibt eine Reihe von Gewässern, in denen es zu
massiven Fischschäden gekommen ist", sagt der Leiter der Fischereiforschungsstelle in Langenargen am Bodensee, Rainer Berg. Nach seiner Einschätzung kann ein starker Kormoraneinflug am Neckar zwischen Plochingen und Stuttgart "auch dort für den Fischbestand kritisch werden".
Schramm sieht nicht nur das sonntägliche Angelvergnügen, sondern auch den Hegeauftrag in Gefahr. Das Fischereigesetz verpflichtet die
Angler, für einen angepassten Fischbestand zu sorgen. Schramm kann sich angesichts dieser Entwicklung eine Regulierung vorstellen, um die Kormoranpopulation auf ein verträgliches Maß zu begrenzen. Zum Vergleich nennt er die Forste, wo die Bäume vor Rotwildverbiss geschützt werden.
Martin Klatt vom Naturschutzbund (Nabu) hält das Lamento der Fischer für unbegründet. "Es fehlt bis jetzt völlig der Nachweis, dass der Kormoran einen wirklichen Schaden
anrichtet", sagt der Referent für Arten- und Biotopschutz. "Die Darstellung, der Kormoran vernichte Fischbestände, ist falsch", behauptet Klatt. Dass der Kormoran wieder häufiger
vorkommt, ist für ihn lediglich der Beweis für saubere Gewässer und Fischreichtum: "Der Kormoran wird sich nur so stark vermehren, wie es das Nahrungsangebot zulässt." Den fliegenden Fischjäger bezeichnet Klatt zudem als "Opportunisten", der sich nur auf die Fische stürze, die leicht zu fangen sind. Und das seien eben jene, die ohnehin in großer Zahl vorkommen.
Die Jagd auf seltenere Fische wie Gründling, Steinbeißer oder Groppe habe der Kormoran gar nicht nötig. Insofern bedeute er auch keine Gefahr für die Artenvielfalt unter Wasser. Gegen den
Kormoran zu wettern, lenke vom eigentlichen Problem ab. Klatt
zufolge besteht es darin, dass die Angelvereine Flüsse und Seen mit Fischen besetzen. "Der Besatz mit Fischen sorgt für ein gehöriges Durcheinander in der Natur", sagt Klatt. Denn mindestens so gefräßig wie die gescholtenen Vögel - Kormorane vertilgen täglich eine Ration von bis zu 500 Gramm - seien eingesetzte Raubfische wie Hechte und Zander: "Die räumen bei den anderen Fischarten auch gehörig auf." Klatt fordert die Renaturierung von Gewässern. Die Fische erhielten Laichplätze zurück, könnten sich ohne Beeinflussung vermehren, und allmählich wäre das natürliche Gleichgewicht wieder hergestellt. Die Vorwürfe der Gegenseite findet Klatt paradox: "Die Angler beschweren sich darüber, dass sie die Kormorane füttern."
Jene hoffen inständig, dass sich die Seeraben, wie der Kormoran auch genannt wird, mit dem
Wärmeeinbruch rasch wieder verteilen. Für Schramm wäre damit das eigentliche Problem nicht vom Tisch. Seit Inkrafttreten der Europäischen Vogelschutzrichtlinie im Jahr 1979 sind die Bestände des seit Napoleons Zeiten verfolgten und vor zwanzig Jahren fast ausgerotteten Kormorans stark gewachsen. Kamen in den 70er Jahren in Baden-Württemberg nur 200 bis 300 Kormorane vor, waren es 1997 landesweit bis zu 7000.
Eine neue Dimension erhält der Kormoranstreit, wenn sich fortsetzt, was eine Zählung im Sommer 2000 ergeben hat. Inzwischen beziehen Kormorane hier zu Lande nicht mehr nur das
Winterquartier. An Bodensee, Rhein und Neckar sind nach Angaben der Forschungsstelle Langenargen mehr als 200 Brutpaare gezählt worden. Dies könnte Folgen haben. "Man weiß von Brutkolonien,
dass sie drastisch wachsen, wenn sie mal etabliert sind", sagt Berg.
Nehmen die Vögel überhand, erlaubt die Kormoranverordnung des Landes "Vergrämungsschüsse". Die Quoten setzen die Landratsämter fest. In Esslingen dürfen von 1. Oktober bis 15. März zehn Vögel geschossen werden - eine Zahl, die in der Vergangenheit kaum erreicht wurde.
Denn Jäger spüren wenig Drang, Kormorane aufs Korn zu nehmen, weil diese nicht gerade eine Gaumenfreude sind. Zudem wirke die Vergrämung letztlich
kontraproduktiv. Werden die Vögel aufgescheucht, sagt Ulrich Hartmann, ein Ökologe am Landratsamt Esslingen, dann wachse ihr Energieverbrauch - und damit auch der Hunger nach Fisch.
Mit dem
"Vergrämungsschuss" sind weder Angler noch Vogelschützer glücklich. "Das kann nicht der richtige Ansatz sein", sagt Schramm. Indem die Kormorane nur von einem Ort an den nächsten
gejagt werden, folge die Vergrämung dem Sankt-Florians-Prinzip. Klatt lehnt außerdem einen großen "Feldzug" mit dem Gewehr ab. Einmütig fordern beide ein europaweites
"Kormoran-Management", das jene Länder einbezieht, in denen die großen Brutgebiete sind. Doch die Standpunkte sind kontrovers. Während Schramm etwa den Austausch von Kormoraneiern durch
Gipseier für eine Alternative hält, gibt Geburtenkontrolle für Klatt keinen Sinn. Die Streitfrage ist, wie viele Kormorane die Natur verträgt. Zurzeit laufen Gespräche auf europäischer Ebene. Ohne
Vereinbarung wird mit der nächsten längeren Frostperiode im Mittleren Neckarraum auch wieder die Diskussion um den Kormoran einsetzen.
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